WM-Quali: ÖFB hat ausgeträumt

Mit Verwunderung nahm ich zur Kenntniss, dass die ÖFB-Führung und die heimische Presselandschaft mit der WM-Quali abgeschlossen haben. Nicht, weil ich nach dem letzten dünnen Strohhalm greife und zum Zweckoptimisten mutiert bin. Ich bin deshalb überrascht, weil man die erfolgreiche WM-Qualifikation als Erfolgslatte für den alten Tschechen Karel Brückner sehr hoch gelegt hat. Dass man bisher davon ausging, dass die ÖFB-Truppe auf Augenhöhe mit Frankreich, Rumänien und Serbien sei, ist einfach nicht fair gegenüber dem neuen Trainergespann und zeugt von wenig Sachverstand.

Trotz der wenig erfolgreichen Heim-Euro schwappte eine unvergleichliche Euphoriewelle durch das Land, der Slogan Südafrika, wir kommen wurde schon im Juli angestimmt. Warum? Weil die ÖFB-Truppe gegen mittelmäßige Kroaten halbwegs mitgehalten hat? Weil Hickes Burschen gegen durchschnittliche Polen einen Punkt erkämpft haben? Oder weil Ivanschitz und Co. einer schwachen deutschen Elf in allen Belangen unterlegen war und dennoch nur einen Gegentreffer kassierten? Man darf nicht immer auf die Resultate schauen, hieß es. Beeindruckend seien die riskante Spielweise, die Kombinationsfreudigkeit und die hohe Lauf- und Kampfbereitschaft gewesen. Eigentlich Grundvoraussetzungen, um in der erweiterten europäischen Spitze überhaupt wahr genommen zu werden.

Realitätsverweigerung in der ÖFB-Spitze?

Die technischen Mängel und die taktisch schlechte Ausbildung unserer Starkicker wurde dabei nie hinterfragt. Es kam noch schlimmer: Der Feldherr, Josef Hickersberger, wurde als Erfolgsgarant und großer Stratege gefeiert. Seine größte Tat war allerdings der freiwillige Rückzug (die Art und Weise war allerdings wieder äußerst fragwürdig). Was am meisten beeindruckte: Die ÖFB-Führung wurde vom Abgang des Europ-Pepi kalt erwischt. Und das, obwohl Hickersberger bereits im Dezember 2007 seinen Rücktritt nach der Euro ankündigte und mit seinen vielen Freunden in den Medien abrechnete.

Im Eiltempo wurde ein Nachfolger gesucht und gefunden: Brückner, der bereits in Tschechien als altes Eisen verschrien war und freundlich zum Rückzug gedrängt wurde. Der 68-Jährige beließ erst einmal alles beim Alten und übernahm großteils den Kader (Scharner und Janko wurden nachnominiert) und das Spielsystem von seinem Vorgänger. Gegen Italien lieferten die Österreicher einen aufopferungsvollen Kampf und holten unglücklich ein 2:2-Remis. Die Euphorie in der Alpenrepublik kannte kaum noch Grenzen.

Fehleinschätzung des Frankreich-Erfolgs

Der Quali-Auftakt gegen die Franzosen war mit großem Optimismus verbunden. Und die rotweißroten Kicker erfüllten alle Hoffnungen gegen den Vizeweltmeister. Allerdings: Diese Equipe Tricolore hatte mit der von 2006 wenig zu tun. Behäbig, ohne Spielwitz (einzig Franck Ribery sorgte für positive Akzente), trabten die Franzosen 90 Minuten durch das Happelstadion. Ich will nicht den Erfolg der Österreicher schmälern, die ÖFB-Truppe wusste zu begeistern. Allerdings ist die große Zeit der Franzosen lange vorbei und bei ihrem Auftritt im Prater erwischten sie einen rabenschwarzen Tag.

Doch das ficht die Austro-Journalisten und die ÖFB-Führung nicht an: Die erfolgreich WM-Qualifikation war eine ausgemachte Sache, das Quartier wurde schon gesucht. Denn wer gegen die WM-Finalisten 2006 ohne Niederlage davonkommt, der hat seinen Startplatz bei der Endrunde sicher. Klar, der Dreier gegen Frankreich war eine hervorragende Ausgangsposition. Aber nicht mehr. Und in Litauen sah die Welt wieder ganz anders aus: Ein destruktives Team sah gegen einen drittklassigen Gegner schlecht aus. Man konnte nachvollziehen, wie sich die französischen Fans vier Tage zuvor fühlten.

Und immer wieder die Färinger

Was danach kam, ist bereits Legende. Der Färöer-Fluch bleibt bestehen, die Serben hatten leichtes Spiel in Wien. Und der unter Druck stehende Brückner will den überragenden Senior Mario Haas zum „Heimspiel“ gegen die Türken einberufen. Man kann nur froh sein, dass der 34-jährige Grazer intelligent genug ist, dieser Einladung nicht zu folgen. Fehlt nur noch, dass Andi Herzog reaktiviert wird – auf der Bank sitzt er sowieso.

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