Hat Österreichs Sportjournalismus ein Dopingproblem?

Man muss den Kollegen Rainer Fleckl und Erich Vogel vom Kurier großen Dank aussprechen: sie haben die Causa Zoubek aufs Tapet gebracht. Schon zuvor positionierte sich die Redaktion in der Wiener Seidengasse im Fall des Wiener Blutplasma-Unternehmens Humanplasma als Jäger der Hintermänner. Ergebnisse in diesem Fall gibt es bisher keine, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen aber noch.

Die Story hat Hand und Fuß und ohne Beweise würde sich das eher seriöse Blatt mit dieser Geschichte sicher nicht an die Öffentlichkeit wagen. Von den Sportkollegen bläst dem dynamischen Duo ein eiskalter Wind entgegen. In einigen Redaktionen wurde für die Beschuldigten Partei ergriffen und eine unkoordinierte aber umso aufgeregtere Gegenkampagne vom Zaun gebrochen. Die Schreiber und Informanten werden mit Dreck beworfen und oberlehrerhaft abgekanzelt. Auch von Blättern, deren journalistische Unvoreingenommenheit man eigentlich gewohnt ist.

Die Erfahrung zeigt: Österreich is a too small Country to make good Doping-Storys. Die Verlage und Sportredaktionen machen sich von den Stars so abhängig, dass bei Negativschlagzeilen sofort Wagenburgen aufgebaut werden und sich eigentlich der Objektivität verpflichtete Journalisten auf die Seite der Beschuldigten bzw. Verdächtigten schlagen. Dazu kommt ein Maß an persönlicher Verbundenheit zwischen berichtenden Journalisten und Sportlern, die eine ausgewogene Berichterstattung unmöglich macht. „Wir dürfen uns unsere Stars nicht kaputt machen“, ist ein Lieblingsargument vieler Pressevertreter.

Rotweißroter Verdrängungsjournalismus
So war es bei den Biathleten in Turin, so war es bei einem fragwürdigen Glasflaschenunglück einer aktuellen Kurier-Kolumnistin vor dem 800-Meter-WM-Finale in Paris, so war es beim Fall der Humanplasma in Wien und so ist und war es bei diversen erwischten Radprofis und Skistars, für die sich Redakteure Legenden von Schlamperei und Verschwörung ausdachten und diese bis heute pflegen. Bei einigen Austro-Sportjournalisten gilt der Grundsatz: „Bei uns in Österreich gibt es kein systematisches Doping (eh schon wissen, too small).“

Natürlich gilt im aktuellen Fall die Unschuldsvermutung. Andererseits darf dieses Recht den Aufdeckungsjournalismus nicht be- bzw. verhindern. Und sollte sich herausstellen, dass die Vorwürfe dem Reich der Fleckl’schen Phantasie entspringen, dann gehört dagegen vorgegangen. Aber: Wenn seit Jahren Gerüchte über einen Arzt wabern und nicht verstummen und sich immer wieder Akteure finden, die der Herr Doktor angeblich anfixen wollte, dann soll man darüber berichten dürfen.

Was heißt dürfen – man MUSS darüber informieren! Immerhin trägt der Verdächtige Verantwortung für schwer kranke Kinder – und sein sorgloser Umgang mit Medikamenten würde mein Vertrauen in ihn nachhaltig erschüttern. Der Einsatz von z.B. EPO bei Todkranken wird dadurch gerechtfertigt, dass die lebensverlängernde Wirkung die gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen übersteigt. Doch der Einsatz bei kerngesunden Sportlern ist einfach nur kriminell. Und das sollten sich die selbst ernannten Verteidiger des Herrn Doktor hinter die Ohren schreiben.

Die Causa Zoubek in der Presse:

Ein Top-Mediziner im Doping-Zwielicht
Einem leitenden Arzt aus dem St. Anna Kinderspital wird vorgeworfen, EPO an Sportler weitergegeben zu haben. (14./16.11.)
Quelle: kurier.at

Doping: Verwirrung um „Irondoc“
Die Affäre rund um den stellvertretenden Leiter des St. Anna Kinderspitals eröffnet Chancen für wirkliche Aufklärung. Egal wie unappetitlich das jetzt läuft.
Quelle: sportnet.at (16.11.)

„Mir wurde der Kopf abgeschlagen“
Kinderarzt Andreas Zoubek klagt gegen Dopingvorwürfe. Im Kurier wurde dem stellvertretenden ärztlichen Leiter des St. Anna Kinderspitals zu Wien unter Berufung auf die eidesstattliche Aussage eines anonymen Sportlers vorgeworfen, er hätte in einem Fitnesscenter mit Epo gehandelt. (16.11.)
Quelle: derStandard.at

Beschuldigter Kinderarzt ist für die Doping-Freigabe
Ob der Wiener Kinderarzt Andreas Zoubek die Sportszene mit Dopingpräparaten versorgt hat, bleibt fraglich. Eine Meinung zum Thema hat er in jedem Fall. (17.11.)
Quelle: tt.com – tirol online

Von Kopschütteln bis Zorn
Im Interview mit ORF.at ist Stefan Matschiner, Manager des selbst geouteten (sic) Dopingsünders Bernhard Kohl und Inhaber der International Sports Agency und derzeit in den USA, um Transparenz bemüht.
Quelle: ORF.at

Die Anklage des Weltmeisters
Nach der KURIER-Enthüllung: Ironman-Champion Normann Stadler erhebt im renommierten deutschen Internet-Medium tri-mag.de schwere Doping-Vorwürfe gegen den Kinderarzt Zoubek. (18.11.)
Quelle: kurier.at

Verräterische Spuren
Sein Chef sagt: „Er war ein Doping-Gegner.“ Aber warum plädierte der beschuldigte Arzt Andreas Zoubek dann im Internet für die Doping-Freigabe? (18.11.)
Quelle: kurier.at

Die Schatten der Vergangenheit
Im Jahr 2006 war die Welt der Doper noch in Ordnung. Paradiesische Zustände fand man in Österreich vor. Keine strafrechtliche Regelung für dealende Hintermänner und fehlgeleitete Wissenschaftler, keine Nachhaltigkeit im Kontrollwesen. (19.11.)
Quelle: kurier.at

„Wenn es Beweise gibt, müssen Köpfe rollen!“
Mario Huys kennt die Weltklasse wie kein anderer und er hat Andreas Zoubek betreut. „Ich bin geschockt, enttäuscht, kann es nicht fassen! Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich für sauberen Sport stehe und wie sehr ich gegen Doping bin!“ (19.11.)
Quelle:
laola1.at

Affäre Irondoc: Spenden statt Vermummen
Leiden tut darunter nicht nur der Sport und die Betroffenen, sondern auch der Arbeitgeber des vom Dienst freigestellten Arztes, das St. Anna Kinderspital in Wien. Die dort stattfindende Kinderkrebsforschung finanziert sich aus privaten Spenden. Der Entgang könnte sich in sechsstelliger Euro-Höhe bewegen. Vielleicht könnten die Vermummten und jeder, der sich jetzt betroffen fühlt oder einfach helfen will, zumindest diesen Verlust kleiner machen. (19.11.)
Quelle: sportnet.at

Advertisements

Schlagwörter: ,

Eine Antwort to “Hat Österreichs Sportjournalismus ein Dopingproblem?”

  1. Luchadora Says:

    Kommentare zu diesem Blog finden sich unter http://www.du-bist-dein-sport.at/forum/blog.php?b=354

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: