Archive for the ‘Radsport’ Category

Anti-Dopingkampf – ein Kinderspiel

25. Februar 2009

Seltsames tut sich in den letzten Wochen: Sportler erklären den Anti-Doping-Kampf als Einschränkung ihrer Menschenrechte, die internationalen Medien verlieren sich in Jubelarien weil sich ein Lance Armstrong wieder auf den Drahtesel schwingt und der selbst freut sich, dass mit der Rückkehr von Floyd Landis, Ivan Basso und Tyler Hamilton endlich wieder die besten Radrennfahrer im Zirkus vertreten sind.

Hoffenheim-Coach Ralf Rangnick versucht das Versäumnis seiner Profis Andreas Ibertsberger und Christoph Janker zu relativieren und stellt das verspätete Erscheinen seiner beiden Spieler als Kavaliersdelikt hin. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass es Verschleierungsmittel gibt, die alle eiweiß-basierenden Verbindungen in kürzester Zeit zerstören. „Nichts finden beweist gar nichts“, meint der Doping-Experte Werner Franke. Man braucht keine zehn Minuten, um solche Tabletten oder Flüssigkeiten zu übergeben, um später die Probem unbrauchbar zu machen.

Attacke gegen Dopingjäger
Da formiert sich eine Front gegen den Anti-Doping-Kampf. Wer steckt dahinter? Die Pharmaindustrie, die ja mit diversen Medikamenten in Athletenkreisen mehr verdient als mit Kranken? Die Verbände selbst, die offenbar kein Interesse daran haben, dass ihre Stars aufgeblattelt werden? Warum ist es bitte nicht möglich, die russische Mannschaft von der Biathlon-WM auszuschließen, nachdem drei Läufer erwischt wurden?

Kritische Stimmen zum Armstrong-Comeback sind nur schwer zu finden – am ehesten noch in deutschen Medien. Der Sunday-Times-Reporter Paul Kimmage vergleicht die Rückkehr Armstrongs mit der Rückkehr eines Krebsgeschwürs. Zurecht gibt es Proteste gegen diese Aussage, ist sie doch äußerst Menschen verachtend und geschmacklos – und daher auch um so passender.

Kritische Presse? Fehlanzeige
Aber in Australien – dem Auftakt seiner seltsamen Mission im Kampf gegen den Krebs – und in den USA, anlässlich seines Auftritts bei der Kalifornien-Rundfahrt, werden kritische Fragen mit Beschimpfungen beantwortet. Nicht nur von Armstrong und seinen Getreuen, auch Kollegen von der Presse wollen sich dieses historische Ereignis nicht schlecht reden lassen.

Glücklicherweise ist der langjährige Hauptsponsor der Tour of California, Amgen, Hersteller eines EPO-Präparats. Marketing-Chef Andrew Messick spinnt sich auch sofort eine seltsame Legende zusammen: Armstrongs Anti-Krebs-Kampagne, der vorgebliche Grund für sein Comeback, so Messick, harmoniere blendend mit den Zielen seiner Firma. EPO wird nicht vorrangig für Sportler hergestellt, sondern eigentlich für an Blutkrankheiten leidende Menschen – doch leistungswillige Athleten steigern den Umsatz um ein mehrfaches. Keine Frage: Im Hintergrund sorgt die Pharmaindustrie schon für die Versorgung ihrer „gesunden“ Kundschaft in Sportlerkreisen.

Vorlage für Athletenkritik
Damit wären wir wieder beim Thema Medikamentenmissbrauch. Das ist kein Kavaliersdelikt: Wenn der kleine Apotheker oder Arzt seine Medikamente an Junkies weitergibt und erwischt wird, ist seine Existenz kein Eierschwammerl mehr wert. Da greift die Gesellschaft hart durch. Doch im Sport scheint sich der Geist zu wandeln, der Kampf um den „sauberen“ Sport wirkt für manche Athleten, deren Umfeld, Pressevertreter und Fans nur noch (ver)störend – speziell in Österreich.

Wenn man andereseits hört, dass wie zum Beispiel im Fall Lisa Hütthaler eine Studentin zur Entnahme der Probe in die Südstadt geschickt wurde, die dann auch noch das passende Gefäß vergessen haben soll, dann wundert man sich auch über die Erzählung eines Ralf Rangnick nicht mehr. Und dass es bei solch ungeschicktem Vorgehen die Sportler leicht haben, Zweifel zu streuen, ist auch klar.

Kohl unzufrieden – na und?

27. November 2008

Eigentlich wollte ich gestern (Doper Kohl hat nichts begriffen) ja ganz was anderes schreiben: Warum ist es eigentlich so wichtig, dass der erwischte Dopingsünder Bernhard Kohl mit dem Urteil der NADA zufrieden ist? Bei keinem anderen Fall zuvor war das von Bedeutung. Und ganz überraschend ist es ja nicht, dass Kohl eben nicht besonders glücklich über die Entscheidung der Kommission ist. Und dieser erwartbaren Tatsache wird auf den Sportseiten sehr viel – zuviel – Platz eingeräumt. 

Doper Kohl hat nichts begriffen

26. November 2008

Bernhard Kohl hat nichts begriffen: Nachdem er sich hartnäckig als Aufdecker stilisiert hatte, ließ er die Anwesenden bei der Anhörung am Montag enttäuscht zurückt. Er erzählte nur Dinge, die ihm bereits zuvor nachgewiesen wurden, Neuigkeiten bekam man nicht zu hören. Dennoch beharrt Kohl darauf, alles erzählt zu haben. Glaubt er das wirklich? Schon möglich. In einem Interview mit den Niederösterreichischen Nachrichten nach der Urteilsverkündung pochte er auf noch seinen Sonderstatus: „Ich bin schließlich nicht irgendwer, sondern Dritter bei der Tour de France geworden.“ Nochmal: Glaubt er das wirklich?

Man bedenke: Der ehemalige Gerolsteiner-Profi ist verkauft seit über einem halben Jahr ein Saubermann-Image und hat seit seinem TdF-Triumph die Wahrheit eiskalt umkurvt. Warum also sollte er plötzlich damit aufhören und sich nicht als verfolgtes Opfer stilisieren? Immerhin steht er ja nur zwei Jahre, Kohl rechnet offensichtlich damit, dass die Sperre nur eine Unterbrechung seiner Karriere bedeutet.

Die Argumentationslinie des Herrn Radprofi, er nenne seinen Dealer deshalb nicht, weil dieser (Arzt) nichts dafür kann und mit Sportlern normalerweise nie in Berührung kommt, passt gut zur – jetzt offensichtlichen – Denkweise Kohls. Erstens weiß er nicht, ob sein Lieferant nicht doch Blut geleckt hat. Und zweitens: Einem Mediziner, der an einen gesunden Menschen ein Krebsmedikament trotz starker Nebenwirkungen zwecks Leistungssteigerung abgibt, gehört sofort die Approbation entzogen.

Aber Kohl wird schon wissen, was er tut. Zumindest sein fragwürdiger Manager Stefan Matschiner war so erleichtert über die fruchtlose Aussage seines Schützlings, dass er sofort in den Urlaubsflieger nach Kenia (das Land der Wunderläufer) stieg und sich vertschüsste.

Es bleibt die Hoffnung, dass Kohl nie wieder den Weg zurück in den Radrennsport findet. Und auch nicht den üblichen Weg aller rotweißroten Dopingsünder geht: als Co-Kommentator in den ORF. Denn die Berichterstattung des Staatsfunks spricht Bände: Dem Protagonisten wird die Stange gehalten, das Vorgehen der NADA in ein schiefes Licht gerückt (siehe auch zurpolitik.com). Wen wundert’s, wenn ein Insider (Michael Fruhmann) zu „objektiver“ Berichterstattung gezwungen wird.

Zum Thema passt auch: Hat Österreichs Sportjournalismus ein Dopingproblem?

Der Kurier hat übrigens beispielhaft über diesen Fall berichtet und mit einem Fragebogen den Vogel abgeschossen: Fragebogen für Doping-Sünder (über sportrecht.wordpress.com).

Kommentar
Die Falsch-Aussage
Kohl ist kein Massenmörder, nur das schwächste Glied in der Dopingkette. Der Ertappte, der die Ohrfeigen kassiert. Aber Kohl bleibt Täter. Wenngleich es ihm in den vergangenen Wochen fast gelungen wäre, zum Opfer zu mutieren.
Quelle: kurier.at

Pressestimmen zur Causa „Kohl“